Gestern bin ich mit einem Zug zwischen den Dörfern nachts umhergeschlichen. Die Nordlichter rosa und lila am Nachthimmel, die Kopfhörer auf den Ohren, eine belanglose Geschichte die via Bluetooth in meine Ohren flüstert. Ein Körper, der sich von der Stadt erholt und dessen Menschen erholt. Ich werde nicht verstehen, wie man in der Stadt lebt, wenn man das Land in seiner Alleinsamkeit bewohnen kann. Als ich an der Endhaltestelle aussteige, schleichen nur mehr wenige Richtung Ausgang, sie waren in der großen Stadt, die für mich mit den Jahren kleiner geworden ist. Je älter ich werde, desto kleiner werden die Dinge, Sarah sagte gestern, dass es so lange Straßenbahnen in ihrer Stadt nicht gibt, mir fällt so etwas nicht mehr auf. Hier werden nachts die Straßen eingerollt, und die Lichter leuchten nur mehr spärlich. Niemand ist hier mehr unterwegs, hier ist es komplett leise. Ich denke sehr oft daran, dass hier niemand weiß, was ein Rave ist und warum man dafür Zitronen braucht. Hier weiß man, wie man Zinken einer Kreiselegge wechselt und wie viel Prozent das Korn haben muss, bevor man es dreschen darf. Das Wissen ist unterschiedlich gewichtet, das Wissen nach Anwendbarkeit unterschiedlich verankert.
Eine gewisse Traurigkeit überfällt mich in diesem Moment, ich denke an M. wie er mir damals eine Dummheit unterstellte, wie sie nur ein Wiener jemensch vom Land unterstellt, wo er doch noch Linz als Stadt zweiter Klasse beschimpfte und eigentlich ein pornöses Dorf, und nun selbst darin wohnt, und vor allem gar nicht mehr so schlimm findet in der Stahlstadt. Wenn man studiert, muss man in Wien studieren, hat er damals gesagt, ich habe mich nicht daran gehalten und ich weiß bis jetzt nicht, welche Konsequenzen das für mich hat.
Ich denke an S., wie er sagte, dass ich in Wien nicht sagen kann, dass man gerne eine Eierspeise nach dem Fortgehen möchte, weil man damit zwingend weiß, dass ich nicht von hier bin und hier den Schmäh mit der Eierspeise auf betrunkenen Magen sowieso niemand versteht.
Ich denke an F. wie er sagte, dass ich nicht sagen soll, woher ich bin, weil man damit keine Schriftsteller:innenkarriere machen wird, wenn man vom Land kommt. Der richtige Geburtsort ist wichtig im Lebenslauf und sonst lässt man eben eine Lücke. Ich versuche mich nicht entmutigen zu lassen, und verstecke meine Sprache weniger.
Ich denke erneut an M., der mir sagte, dass ich endlich anfangen sollte, ein schönes Deutsch zu sprechen, mit stimmhaften S und kurz gesprochenen Vokalen, so wie man es im Theater macht, richtige Künstler:innen machen das und ich will ja weiterkommen im Betrieb. Ich rede jetzt ein Deutsch, dass dialektal sehr stark eingefärbt ist, jemensch versteht mich; und ab und an werde ich veröffentlicht, meine gesprochene Sprache beeinflusst mein Schreiben nur positiv.
Was von heute übrig bleibt: Ich feiere, dass meine schreibenden Freund:innen nicht in der Stadt groß geworden sind und es nicht verbergen; ich mag, dass niemensch so tut, als wäre ihre Herkunft bildungselitär und vermögend. Ich liebe, dass sie alle auf das schöne Deutsch mit dem stimmhaften s scheißen und trotzdem mutige Literatur erschaffen.