Der Fremde

Der erste Fremde in meiner neuen Wohnung ist der Handwerker. An einem sonnigen Herbstnachmittag passt er mich vor der Haustür ab.

Er habe ja angerufen, da hätte ich gesagt, ich könne nicht früher.
Ich bejahe.
Ja, das versteht er ja.
Ich danke.
Aber er war halt schon da.

Ich schaue auf meine Armbanduhr und bedauere die Firma nicht, die Arbeiter anstellt, die eine Stunde an einem sonnigen Herbstnachmittag vor verschlossenen Haustüren sitzen.
Ich entriegle die Gebäudetür und wir treten von der Sonne in die graue Stiegenhausluft.

Er war ja schon da.
Ich wiederhole, ich konnte nicht früher.
Er versteht das ja.
Ich sage nichts.

Ich sperre meine Wohnung für ihn auf, den Handwerker, und für seinen einen Koffer.

Hätte er sich ausweisen sollen? Weisen sich Handwerker aus? Wie würde er seine Handwerkskunst bezeugen, seine Aufgabe mir versichern?

Ich bitte ihn herein. Ich gehe vor ihm durch die Küche. Ich gehe vor ihm ins Schlafzimmer. Ich habe keine Zeit, meine Wäsche aus seinem Blickfeld zu räumen. Er war ja schon da. Er hatte ja schon Zeit. Ich nicht.
Ich zeige ihm das Objekt und wie ich die Rollo angebunden habe, an der Fensterklinke, damit ich doch ab und an ein paar Sonnenmomente hier habe.
Er steht davor und schaut mich nicht an.
Ich habe keine Leiter.
Kein Problem, er hat alles im Auto.
Er geht, durch mein Schlafzimmer, durch die Küche, aus der Wohnung.

Wie überprüft man einen Handwerker? Wie überprüft man ein Auto? Einen fremden Koffer? Wie prüft man ein fremdes Leben?

Am Küchentisch lege ich meine Tasche ab, setze mich an den Laptop, beginne meine Arbeit, die ich wegen ihm, für den fremden Handwerker, unterbrochen habe.
Es klingelt und ich entriegle die Gebäudetür, diesmal aus der Ferne.
Beim zweiten Eintreten streift er meinen Bambusvorhang mit seiner Leiter, das macht nichts, sage ich, ist ja noch alles dran. Ich kann nicht ausmachen, was er antwortet, lächle beständig, setze mich an den Tisch. Er geht ins Schlafzimmer. Wenn er etwas braucht, er kann sich ja melden.

Durch die uns trennende Wand höre ich ihn hämmern, klopfen, schlagen, und die Wände schlagen zurück.

Hätte er sich ausweisen sollen? Woher weiß ich, dass er der Handwerker ist? Woher weiß ich, dass er überhaupt etwas ist, hinter der Wand? Wer ist dieser Fremde in meinem Zimmer, neben meiner Wäsche, an meiner Rollo?

Er ist jetzt fertig.
Schnell war das.
Ja, aber ein Loch ist jetzt da, weil das alte Modell von früher, das gibt’s nicht mehr.
Ist okay.
Er könne es zumachen.
Ich rufe schnell die Vermieterin an, kurz warten bitte.

Hast du mich gerade beschimpft?
Wie, was?
Na, du hast mich gerade einen Trottel genannt?
Wie, nein, wieso? Wie kommen Sie darauf?
Ja, wieso würd ich mir das einbilden, wieso würd ich das hören?
Ich weiß nicht, ich habe nichts mehr gesagt.

Ich sage nichts.

Warum hab ich das dann gehört?

Ich sage weiter nichts.
Fühle mich deplatziert.
Fühle mich verraten.
Vom Handwerker.
Vom Fremden in meinem Schlafzimmer.

Du hast doch noch was gesagt.
Nein, hab ich nicht.

Ob er einen Besen haben könnte.
Ja, aber ich kann das auch selbst aufwischen.
Ob ich hier unterschreiben würde.
Ja.
Ich unterschreibe.
Ich sage danke.
Der Handwerker trägt die erste Box aus der Wohnung.
Der Handwerker trägt die zweite Box aus der Wohnung.
Der Handwerker trägt die Leiter aus der Wohnung und streift den Bambusvorhang nicht.

Hätte er sich ausweisen müssen? Hätte ich nicht unterschreiben sollen? Wer war der Fremde in meiner Wohnung?

Ich sperre meine Wohnungstür für ihn zu und fange an zu putzen.

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