So frei war ich danach nie mehr, so viel Lebenszeit habe ich nie mehr übrig, so wenig FOMO wie damals spüre ich nie mehr. Alles lag vor mir.
Nächtelang sind wir in den Schulferien im Wohnzimmer der Wohnung deiner Eltern gesessen, ich habe uns um 1 Uhr nachts Tomatensalat mit Kernöl und Zwiebel gemacht, habe ’40 years‘ in Dauerschleife gespielt und mir vorgestellt wie das Leben mit 40 dann aussehen würde. Da war nur blank space.
Letztens habe ich realisiert, dass das in wenigen Sommern plötzlich – ich sage plötzlich weil wtf – Realität sein wird.
‚if it takes 40 years to get the things that I need, sir‘
‚if it takes 40 years I‘ ll walk the thunder and the rain‘
Ich habe die Dinge die ich brauche, aber ich habe eigentlich nichts.
Damals im Sommer, mit 16, im Wohnzimmer der Wohnung deiner Eltern, am Computer deines Vaters, auf MySpace war ich eifersüchtig, dass mein Crush Frauen wie Dita von Teese und Amanda Palmer hot findet, wobei ich anerkennen muss dass das eigentlich sehr feminisitisch und cool von ihm war.
Damals im Sommer, mit 15, auf dem Balkon der Wohnung deines Vaters wollte ich dich unbedingt küssen, ich konnte an nichts anderes denken aber du hast mir von deiner verstorbenen Mutter erzählt und wie prekär du aufgewachsen bist. Ich wollte nur deine Lippen berühren und deinen Haaransatz im Nacken streicheln.
Wir haben uns nie geküsst und viele Jahre später hast du es geschafft, dass ich mich wegen dir sehr unwohl fühle weil du übergriffig warst. Du warst nicht mehr der aufregende, traurige, sensible boy, der mich an den Jungen aus dem Film ‚Casper‘ von 1995 erinnert hat mit dem Christina Ricci so herzzerreißend romantisch tanzt. (Auch darauf war ich eifersüchtig.)
Damals im Sommer, als ich 17 war und wir mit dem Mann der mindestens 35 war vor der Schule am Boden aufeinander gelegen sind und alle zusammen aus einer Flasche Büffelgrasvodka getrunken haben, hat er mit meinen Haaren gespielt und ich hab mich so begehrt gefühlt, um am Ende der Nacht dann erleichtert zu sein, dass wir ihn am Weg zu den Toiletten ‚verloren‘ haben, weil mir das dann schnell ein sehr komisches Gefühl bereitet hat. 2 Wochen später habe ich ihn wieder gesehen im Park mit seiner Frau und einem Kinderwagen.
Damals im ‚Q‘, mit 20 habe ich hin und wieder einen Mann getroffen, der auch meine langen Haare gestreichelt hat während wir uns geküsst haben, er hat mir dann erzählt, dass seine Frau kurze Haare hat und auch dass sie Therapeutin ist, aber ihm nicht helfen kann. Er war 38 als er sich 2 Jahre später das Leben genommen hat.
Dann, in dem Sommer wenn ich 40 werde, habe ich vor zu realisieren, dass ich mich mit jedem Jahr, dass ich ‚älter‘ werde, jünger fühle, weil Alter (wie so viel anderes) auch nur ein soziales Konstrukt ist. Also nehme ich mir die Zeit die ich dann brauche einfach, weil sie gehört sowieso mir.