• bevor jemand fehlt

    mein verstand zieht kreise
    wird er in jahren auch noch
    funktionieren
    oder auch demyelinisieren
    so wie andere teile
    von mir
    mir kommt schon jetzt vor
    dass ich abbaue
    so viel vergesse
    und mich immer wieder vertu

    ich philosophiere ständig
    über fragen zu leben
    und tod
    als säße ich wieder
    in der vorklinik im hörsaal
    so wie vor 15 jahren
    hätte ich das damals nur gewusst
    wie schnell alles gehen kann
    ich finde diese antwort
    nicht in mir
    aber auch nicht im außen

    befunde, nebenbefunde, zufallsbefunde
    asymptomatisch, oder eben auch nicht
    was haben sie in letzter zeit gefühlt?
    war etwas anders?

    ist mir nicht seit monaten ständig
    schwindelig
    und auf den letzten konzerten
    musste ich beim vorletzten lied
    gehen
    schnell wasser ins gesicht
    und festhalten
    woran kann ich mich gerade festhalten?

    ich bin immer noch nicht
    dünner
    aber meine nervenfasern
    dünnen aus
    welch ironie
    des lebens
    und vielleicht kippt da gerade etwas
    ganz leise
    von werden
    zu vergehen
    von der entwicklung des eigenen lebens
    übers leben gebären
    und jetzt geht es in richtung
    sterben

    man hatte mein 9 monate
    junges baby sediert
    und in eine röhre geschoben
    um gewissheit zu haben
    das geht mit seltenen erkrankungen
    so einher
    ich war nie so erleichtert
    wie damals
    als ich mit 3 ärzten vor den
    bildern saß
    und man mir sagte:
    alles unbedenklich

    unbedenklich
    was ist das überhaupt
    für ein seltsames wort
    nur weil etwas so
    benannt wird
    heißt das ja noch lange nicht
    dass ich nicht darüber nachdenke

    und ich denke sehr oft
    es könnte ein fehler gewesen sein
    sie haben etwas übersehen
    und wir wissen es
    einfach noch nicht
    es war ein wiederholtes
    knapp dran vorbei
    aber schon an alles denken
    wenn sie mich
    nach dutzenden untersuchungen
    in die röhre schieben
    magnetresonanztomographie
    will ich nicht gewissheit
    am liebsten unbedenklichkeit
    für mich
    sondern für sie
    für diese drei menschen
    mit denen ich so gerne ewig leben
    will

    ich denke an iris
    und daran, dass ich nicht
    der grund dafür sein darf
    dass meine kinder
    zu 50 prozent oder mehr
    zu schmerz werden
    weil sie ihre mutter
    viel zu früh
    verloren haben
    es prägt
    verdammt stark
    sie sollen nie zu
    einem großen teil
    aus trauer bestehen

    von longevity träumen andere
    ich träume von september
    von straßen die wir noch nicht kennen
    von ihnen auf der rückbank
    und meerspaziergängen
    von lachen, das nicht optimiert ist
    ich träume von gesundheit
    die uns das leben ermöglicht
    und es nicht ersetzt

    ich will nicht länger leben
    sondern tiefer
    bevor jemand von uns fehlt

  • das ist doch nicht gut das ist alles im raum

    ich sage zu L, aber das wird nie etwas
    und L fragt, von dir aus oder von
    später träume ich, dass ich sage
    ich bin bereit, ein geheimnis zu werden
    für dich

    nach dem aufwachen meine ich es immer noch so
    es passiert ständig alles gleichzeitig ich werde von dir verlassen ich werde von dir geliebt in jeder sekunde
    fliegt etwas durch die luft
    manchmal ist es ein handy manchmal ist es ein buch
    einmal war es die brille
    das ist doch nicht gut
    das ist alles im raum
    ich ziehe um schon wieder immer
    das ist mein zuhause das ist es nicht
    jmd hat mir geschrieben, du willst das doch
    aber das wollte ich dann doch nicht
    und das andere auch nicht
    manchmal sage ich etwas in den raum
    und lege die zeiten übereinander
    jmd schreibt mir, wer hätte gedacht, vor ein paar jahren sah es so aus,
    als würdest du die erste sein mit
    in diesen kategorien denken sie
    ich tue mir schwer zu bleiben ich kann nicht bleiben weil ich ziehe um
    etwas ändert sich immer nur für mich
    ein halbes jahr brauche ich alleine um vorhänge aufzuhängen
    jemand bindet mir ein band um das handgelenk
    ich soll warten auf eine schwalbe
    bevor ich es löse
    etwas ist im raum
    an der wand die uhr aus der küche wo ich gesessen bin und hausaufgaben, B sagt, soll ich sie dir richten
    ich bin diese strecke schon öfter
    aber nicht so nicht
    jmd sagt, und dieser weiße gartenzaun so unwirklich
    dort bin ich eingezogen so unwirklich
    alles passiert ständig
    alles passiert ständig nicht
    ich schleiche durch alle räume
    damit du mich nicht mehr findest
    ein versteck ein geheimnis
    der weiße zaun tragisch
    jmd sagt zu mir, never drop the ball
    und ich fliege von einer treppe
    jmd anderer sagt, wie machst du das alles hast du
    aber ich mache immer zu wenig
    ich mache alles falsch
    seht ihr das nicht
    ich mache alles richtig
    ich esse tryptophanhaltige lebensmittel
    ich trinke 2 liter am tag
    ich trinke gar nichts
    ich empfinde gar nichts
    die karte berühren am fenster rauchen
    die laufschuhe anziehen
    der laptop fällt aus
    wir haben 10 minuten
    in jeder sekunde ziehe ich um
    der raum fliegt durch den raum


  • zu oft kratzt es an der tür

    als ich zum ersten mal vom balkon geblickt habe, dachte ich, hier bleiben in ihrem haus (sie wollte es nur besitzen, nicht darin leben)

    das meiste hat mit zahlen zu tun zb meine eltern waren stolz auf die aussicht, ich könnte eine steuerberaterin werden

    ich jammere nicht, ich bilde summen in excel, mit den antworten bin ich alleine, manchmal ist mir schlecht, kamillentee, schleifen, was

  • DAS ERSTE MAL

    das erste mal 1 horrorfilm geschaut; das 1 mal etwas geklaut; das 1 mal nach dem scheißen keine hände gewaschen; das 1 mal mit absicht keine zähne geputzt; das 1 mal 1 tafel schokolade selbst gekauft & fast im gleichen moment komplett aufgegessen; das 1 mal geküsst, geknutscht, hetero sex, dann lesbischen sex, dann schwulen sex; das 1 mal grindr date; zum 1 mal komplett zerfickt aus der u-uahn stolpern & den weg nach hause nicht finden; das 1 mal gewürgt werden; das 1 mal multiple orgasmen; zum 1 mal komplett aufgelöst

  • als es anfing, sinn zu ergeben & damit okay war

    ich landete nicht in einer absurden, singulären geschichte, sondern in einem archetypischen muster, das so alt ist wie die menschheit selbst, es ist kein ego-move, wenn ich sage, ich weiß genau, wo ich bin, wer ich bin, wofür ich stehe, ich war nicht dazu bereit, meine werte zu verraten, das war der härtere weg, aber der, der mich heute mit gutem gewissen dastehen lässt, ich verstehe meine rolle rückwirkend viel besser, es hat sich etwas geordnet, was vorher chaotisch war, und vielleicht versuche ich gerade nur struktur für etwas zu finden, das zu groß ist, um es zu begreifen, um es rational zu begreifen, also suche ich diese muster in büchern, in spielen, filmen, meinen eigenen texten, ich bin auf der suche und erkenne die parallelen und denke mir: oha, joke’s not on you, es passiert immer wieder, so vielen

    als menschen müssen wir uns ständig entscheiden: werte oder vorteil, verantwortung oder entlastung, loyalität oder selbstschutz auf kosten anderer, wir stehen wiederholt vor wegabzweigungen und müssen oft viel zu schnell eine wahl treffen, und nicht immer ist es schwarz oder weiß, oft vermischt sich alles, hat das eine ausläufer ins andere, wenn ich an früher denke, denke ich chaos, aber vielleicht kann ich es jetzt integrieren, kann sagen: es war eine ungeordnete wahrheit, ich kann sie jetzt verstehen, es ist kein zynisch sein, sondern eine gewisse nüchternheit und ich glaube genau das ist der moment, auf den ich so lange gewartet hab: es ist ein wiederkehrender punkt im menschsein, kein scheitern, meine maßstäbe sind gereift, noch stärker geworden, klarer, belastbarer und kompromissloser dort, wo es zählt, ich hätte auf den kampf verzichten können, aber wachstum passiert nicht im schonraum, es passiert dort, wo man bleibt

    alexa, spiele „glenwood“ von lorna shore

  • If you, if you could return

    Ich habe von einer Schifffahrt geträumt, auf einem unendlich breiten Fluss oder einer Seenlandschaft am Weg von der Ostsee nach Berlin, aber mit Fjorden und Eisplatten im Wasser und ein großes, drehendes Holzrad hat das Schiff angetrieben, als wärs ein Dampfer auf dem Mississippi.

    Dieser Traum vermischt sich mit meinem Bewusstsein und diversen Wünschen. Es wird ineinander verwoben sein. Niemand kann wissen was echt ist. Auch ich schon lange nicht mehr.

    An Board waren einige meiner Crushes. Alt und neu. Berechtigt und fragwürdig.

    Auch L war da und sie ist so eine amüsante, sympathische Personen, ganz anders als irl.

    M und T waren auch dabei, wobei sich da die Anziehung verschoben hat.

    Auch R war irgendwo präsent, in der Art dass ich ihn nicht gesehen habe aber gespürt, dass ich ihn immer aufsuchen kann, wenn mir danach ist. Besser geht’s nicht.

    Von M keine Spur, ebenso wenig von S, zum Glück hat sie mich nicht bis aufs Wasser verfolgt.

    So oder so ähnlich stelle ich mir in guten Momenten das Leben nach dem Tod vor, in naiven Momenten vielmehr, in denen ich den Gedanken an so etwas zulasse. Dass da etwas sein könnte. Mehr als das Ende.
    Dass mich dort alle, die mich irgendwie berührt oder beschäftigt haben besuchen können, auch E fährt mit, wir haben eigentlich immer die Cranberries gehört wenn ich nach dem Fortgehen mit ihm, viel mehr als bei ihm, geschlafen habe. Ob die Spur von meinem Nagellack noch immer an der Wand zu sehen ist?

  • 186 905 Und sie entschwanden

    Und, wie gehts dir, besser oder noch immer angeschlagen?

    Ich finde eigentlich im Verhältnis dazu wie lange ich mich überarbeitet habe NOCH IMMER eher eine unpassende Formulierung. Ich könnte eigentlich noch die nächsten 200 Jahre angeschlagen sein und es wäre immer noch unverhältnismäßig zu dem was gerade passiert usw.

    Tana Mongaeu spricht darüber, dass sie ein Jahr sober ist.

    Ich schreibe J wir können damit auf die Jagd gehen.

    Ich schreibe JJ hast du schon eine Jahreskarte für 2026 oder soll ich dir eine aus meinem Berlin Tarot Deck ziehen?

    Ich schreibe Z ich werde heute ins Museum gehen.

    Ich schreibe JJJ ich will dich sehen.

    Ich schreibe L ich bin erschöpft.

    Ich lese die Titel, die mein Großvater den Dias gegeben hat, die er Katalogisiert hat. Ich sehe meinen Onkel, wie er eine Kaffeetasse hält. Ich warte auf die Lebensmittel um für meinen Sohn zu kochen.

    Ich schreibe M ich vermisse dich.

    222 942 Mutti auf der Felsenklippe
    222 943 In Erwartung des Bootes

  • Lords of Depravity

    witches to be hunted, angels

    to be ripped

    apart, I had you down

    as a simple man

    but not one who regrets

    —the trap of desire

    snaps:

    a mutilating difference

    working hands know

    calloused fingers feel better

    you don’t read

    poetry, you dress in leather

    I want your jet black

    jacket and your body in both

    ways—equal terms I want

    your honesty untainted

    in a ponytail

    I want to share your manliness

    this smoky laugh, insouciant

    patois and »Parlez-vous

    Pommes Frîtes«

    when the trap of

    desire snaps

    an ordinary angel waiting

    to be ripped apart

  • Zosimos came to me in a dream

    I must have wanted him

    to teach me the secrets

    of the lesser and the noble

    metals

    instead he cited 80s thrash

    and scorching aphorism:

    it is hard not to hate women

    if you don’t feel sorry for them

    he whispered a question

    as yellow as the divine

    distillation:

    if you’d finally lifted that disregard

    off women, do you think it would make

    them less insufferable

  • violett

    Etwas sagen\
    Etwas s\

    Gewalt gegen Frauen steigt.
    Es gibt viele Gründe, warum Frauen bleiben. Viele sind finanziell abhängig. Andere wissen noch nicht einmal, dass ihnen Gewalt passiert – oder sie relativieren die Situation, geben sich selbst die Schuld.
    Die Betroffene braucht Raum, um über ihre Gefühle zu sprechen und die Situation überhaupt erst zu begreifen.*

    Ich sage etwas: 
    Du steigst. Du steigst in das Auto. Du steigst auf das Gas, auf die Bremse. Du steigst aus, steigst auf den Gehsteig, steigst vor mich, steigst über\ Deine Hände steigen: vom Lenkrad auf meine Brust\ Ich steige: ins Blumenbeet –

    Ich relativiere. 

    Du steigst nicht. 
    Du stampfst und schreist und schießt.
    Du stampfst aus dem Auto. Du stampfst auf den Gehsteig. Du stampfst vor mich. 
    Du schreist.
    Deine Hände schießen vom Lenkrad in die Luft und auf meine Brust. 

    Ich steige nicht. 
    Ich werde von dir gestoßen. 

    Vor meinen engsten Freundinnen weiß meine Therapeutin, dass du handgreiflich geworden bist. Ich sage, handgreiflich. Ich sage nichts vom Stampfen und vom Schreien und vom Schießen. Ich sage: Einmal, da hat er mich… da wurde er handgreiflich. Da hat er mich in ein Blumenbeet geschubst. 

    Sie sagt: Wenn ich mich bedroht fühle, rufe ich die Polizei. Sie sagt: Mein Gefühl ist, was zählt. Mein Gefühl ist real. Sie sagt: Wiederholen Sie das. 
    Ich sage: Wenn ich mich bedroht fühle, rufe ich die Polizei. 
    Sie sagt: Ein öffentlicher Platz ist sicherer. 
    Ich denke: Da sehen mich die anderen. 
    Sie sagt: Welches Gefühl löst der Gedanke an seine Wohnung bei mir aus? 
    Ich sage: Bedrängung. Angst. Erniedrigung. 
    Sie sagt: Und der Pavillon im Park?
    Scham. 

    Den Fleck sehe ich, als ich mich aus meiner Kleidung von gestern schäle und in die Dusche steige. Blau ist er, mit grünen Rändern und violettem Kern. Schnell geht das. 
    Ich denke an den halbverdorrten Busch im Beet. Ich denke nicht: an dich. 

    Nach meinem Sturz\
    Nach meinem Fall\
    Nach meinem Unfall\
    Nach mei\
    Nach d\
    Nach deinem\
    Nach deinem Stoß\

    Nach deinem Stoß redest du auf mich ein –

    Korrektur: 

    Nach deinem Stoß schreist du auf mich ein. Ich soll einsteigen. Ich sage: Nein. Ich soll einsteigen. Ich sage: Nein. Ich soll einsteigen, oder es ist jetzt wirklich aus. Ich sage nichts und verkrampfe am Beifahrersitz. 

    Nach deinem Stoß schreist du im Auto. Vom Auto. Vorm Auto. Vor meinem Wohnhaus. Vor meinen Nachbarn. Vor der Schule. Vor entfernten Bekannten von mir. Vor mir. 
    Ich sage: Nicht so laut. Nicht hier. Und irgendwann, da sage ich: Ja. 
    Ja, das war nur wegen mir.
    Ja, das war nur, weil ich mich dumm verhalten habe. 
    Ja, das war nur, weil ich\

    Das Wasser wäscht den Fleck nicht ab und ich schaue weg. Die Flecken von den Frauen in den Nachrichten sind größer und dunkler. 

    Du sagst: Versprich, dass das nie wieder nötig ist. Dass ich dich nie wieder so aus deiner Gedankenspirale holen muss. Dass du dich vorher wieder einkriegst.  

    Schreien, schlagen, stoßen, stampfen, schießen. Verniedlichungsform: schubsen. Meistgebräuchlich: sagen. 

    Meine Therapeutin fragt, ob ich mir eine Sicherheitsleine legen möchte. Ich sage ja, und sage es ganz leise. 
    Wie könnte diese aussehen? 
    Es könnte jemand mithören. 
    Welche Sicherheitsmechanismen gibt es noch?
    Die Nummer vorgewählt haben. Die anderen Menschen im Park. Meine Stimme, schreiend. 

    Was dieser Text nicht\ 
    \dass zwischen dem Fleck und dem Ende drei Monate liegen. 
    \dass die meisten Flecken nicht sichtbar sind. 
    \dass Gewalt mehr als Körper ist. 
    \dass es zu sagen, nicht immer der erste Schritt ist. 
    \dass der Fleck nur von meiner Haut verschwunden ist. 
    \dass ein Fleck mehr als genug ist. 
    \dass\
    \

    Bleib an ihrer Seite.*

    * Danke, alexandra_stanic, für deinen Post zum Thema Gewalt gegen Frauen (Instagram). Danke an alle, die da waren. Danke an alle, die bleiben.