• 13 Tage

    Bisher hat auch das Schlafen ganz gut funktioniert, anders als ich es erwartet hab, meine Befürchtung war, dass die Nacht wieder zum Feind wird, mich wach hält und quält, aber durch die frische Luft und die Spaziergänge finde ich besser in den Schlaf.

    Aber heute ist wieder so ein Abend, wo ich jetzt schon weiß dass die Nacht belastend wird, ich bin ruhelos und gestresst und gleichzeitig ist mir langweilig weil ich so viel gleichzeitig zu tun hätte, alles ordnen in meinem Kopf, alles ordnen in meinen Notizen, aber nichts mit mir anzufangen weiß. Das stimmt nicht, ich kann mich einfach nicht überwinden, ich wüsste genau, was ich zu tun habe, ich sollte weiter schreiben, genau diesen Text, stattdessen sitz ich hier und bin heute wieder schwach geworden, ich hab Instagram geöffnet und mir ein Reel angesehen das viel zu lange dauert und in dem es darum geht, dass jemand ein einzelnes Popcorn macht, in einer großen Pfanne, ein einzelnes Korn, man sieht einfach nur die Nahaufnahme jenes Maiskorns, das irgendwann zum Popcorn wird, warum schau ich mir das an, warum schauen sich das 127.000 Leute an und liken es?


    Instagram hab ich zu gemacht, aber dann hab ich den versteckten Ordner mit den Fotos von ihr geöffnet, ich weiß jetzt schon, dass der Tag kontaminiert ist, mit ihrem Geist, ich bin haunted, egal wie stark der Wind draußen geht, sie umgibt mich wieder, ich versuche trotzdem, dass er sie mir davonträgt, dass es hilft, wenn ich wieder raus gehe, zum Wasser, die Böschung hinunter und dort werde ich mich in den hohen, harten Strandhafer fallen lassen, mit dem Gesicht voraus und vielleicht ersticke ich am Sand, ein bisschen nur, sodass ich danach bewusst atmen muss, sodass die Erinnerung an sie in den Hintergrund rückt.

  • you don’t have to lie

    bats in
    the sky
    flying high
    and free
    me on a walk
    alone

    after a
    years
    long summer
    I crave
    the fog
    wuthering drops
    on top
    breathing
    fresh air

    you wear
    black
    I’ll wear
    this smile
    for you
    for a lifetime
    not always
    on the outside
    still my
    heart is
    on my right
    sleeve
    where your
    hand touched
    me
    just for a
    slight moment
    of time

    you know
    what I
    mean
    I’m yours
    you’re mine
    don’t we
    ever tell
    we search
    for heaven
    while living
    in hell
    nobody should
    condemn you
    for loving
    what you
    feel
    when you’re
    with me

    underneath
    stubborn clouds
    crumbling ceilings
    and the tone
    of our hearts
    which beat
    in mere
    synchronicity
    we may
    be lost
    but we
    found
    each other
    within
    ourselves
    crosshearted
    phantoms
    beaten
    by our
    own blood
    with you
    water is thicker
    anyways
    trails
    of longing
    fellow feeling

    oh my god

    look me
    in the eyes
    just for
    once
    see
    what you’ll
    find
    I’m tired
    of holding
    back
    matter of
    fact
    I’m no
    good
    in hiding
    things
    not
    nearly as
    bad as you
    so who
    will be the
    first to
    speak
    the truth

    you are
    the greyish
    bat
    right
    over my
    head
    seems like
    my body
    is your
    map
    I am
    the light
    that shines
    through
    you are
    my companion
    come day
    come night
    afraid of
    getting too
    close
    but never
    letting
    me go

    god no

    you don’t
    have to
    lie to
    me
    all the
    time
    I cried
    because of
    you
    a hundred
    thousand
    times
    death after
    death
    I’m still
    alive
    for you
    no disillusionment
    I’ll forever
    turn
    you into
    something
    you
    are not
    I want
    you so much
    so I’m
    lying
    to myself
    all the
    fucking
    time

    you don’t
    have
    to

  • I feel like I’m dissolving into the void


    you should like hold me really hard
    and fix me with your hands and eyes
    so that I can stop spiraling

    sometimes I just eat
    to vomit like the world is
    how disgusting men are

    I would love to take you into my brain
    so you could feel everything I feel
    and know everything I know

    and then maybe you would understand
    what it all means to me
    but you are not even able
    to hold me like hard enough

    so why would you

    I am standing at the bar
    trying to fix my bra
    which is like all wrong
    and some dude is starring at me
    and then grinning

    and I feel like
    vomiting all over him

  • nostalgia

    avignon, ich träumte von dir.

    ich habe angst vor dem herbst habe angst mich zu verlieren innerlich zu erstarren weil es wieder die zeit ist. ich merke meine entrückungen mein zurückgezogen sein. es wird mir ganz anders, es wird unangenehm und der körper tut weh an mehreren stellen. vielleicht möchte ich niemanden mehr sehen möchte still und heimlich für mich leiden ohne bezug zu niemandem

    ich sage mir ich muss weiterarbeiten – mit offenen mit wunden stellen die sich am körper verteilen. es stecken dinge darin die tiefer gehen, die durch mich durch.

    ich hab mich halbiert
    geviertelt geachtelt gesechzehntelt
    gezweiunddreißigstelt gevierundsechzigstelt
    und bin immer noch
    nicht nah dran
    wie viele splitter
    noch in mir stecken

    einmal da war es kristallklar (es wird niemand kommen): niemand wird kommen

    wer will mich? verbiegen

  • eclipse season

    maybe it is not good to stand next to me

    at a bar / at a reading / at the hairdresser

    there are better people to stand next to

    m has translated me to

    mi cabeza quiere estar sin mí

    I do not understand it, but I know the meaning

    trying not to call you

    sé que no debo
    extrañarte

    things that went wrong in August,

    trying to be neoprene and then crying triggered by azul

    taking the wrong direction like 3 times

    not leaving the house for a week telling everyone I was too sick (and maybe I was I really can’t remember but my ear was hurting and my heart was shattered into the void)

    crying over men again although I should have really known better

    this time

    tensión superficial, un zumbido
    desde las puntas del enojo
    cada uña se quiebra,
    la yema se derrite

    maybe sth will change this autumn

    it is eclipse season did anyone already tell you that

    and I will stand on stages again

    reading unpublished manuscripts

    sometimes thinking that

    I will never make my debut as an author

    and I will never have a child

    and I know I should not be unthankful

    it is not an equation and it is not fair to say

    but could I at least

    while society tells me that

    I have no worth being not a mother

    tells me that

    my writing has no worth unless I have a published novel

    even if I publish texts all the time

    even if I

    that I am nothing

  • Löcher stopfen

    J schreibt über ein Zimmer für sich alleine und ich denke an Unmöglichkeiten

    die an Körper gebunden sind

    Ich kann mir keinen Raum erdenken

    den nur ich allein betreten kann

    weil hier die Fähigkeit fehlt

    Ich suche im Wörterbuch

    nach Adjektiven fürs Gefühlslagen

    und keines davon passt

    Ich habe noch niemals so wenig gefühlt

    Aber doch 

    Ich erzähle eine Vatergeschichte

    und spare dort aus

    wo Zungenlöcher entstehen werden 

    An guten Tagen war ich Hure

    für ihn

    an schlechten

    seine Tochter

    Ich verstehe die Bedeutung

    des Wortes Trigger nicht

    aber hier wird es immer

    eine Warnung geben

    oder

    ein Trinken geben oder einen Fluchtversuch

    oder ein zu viel

    an Verzweiflungstaten

    und am nächsten Tag

    habe ich blaue Flecken an den Schenkeln

    und Verwüstungsgedanken legen sich

    neben bekannte Phantomschmerzen, würde Jacques Derrida sagen 

    Picasso took the cigarette and

    touched it to my right cheek

    sagt Francoise Gilot 

    und Lieben bedeutet

    Agamemnon 

    und keine Wörter mehr finden

    für die Halbheiten

    die Betäubungsversuche

    Ich möchte alles erklären 

    aber

    in meinem Spam Ordner 

    landen Mails betitelt

    mit “Trauma Solutions”

    und ich lasse sie ungeöffnet 

    für ihn 

    Hier – ich habe mich durchlöchern lassen

    und das Garn reißt immer 

    weil ich den roten Faden

    um die Zunge spanne 

    Im nächsten Leben

    werde ich Stabhochsprung-Weltmeisterin

    In diesem Leben-

    Ich habe in mir selbst gewütet (F.K)

  • Umstandbruch

    Es ist einfach, zu sage, man ist ausgezogen um genau das zu werden, das man dann geworden ist. Vor allem, wenn man gerne das Wort SCHRIFTSTELLER verwendet.

    Wenn dich jemand fragt, wie wird man Schriftsteller, was sagst du dann. Fragt ein Dude den anderen. Ich sitze daneben, meine Antwort ist von niemanden für Relevanz. Ich bin kein SCHRIFTSTELLER.

    Ich bin nie ausgezogen, ich wohne immer noch am selben Ort. Ich fahre hin und wieder nach BERLINI kann aber auch nie zu lange bleiben, wegen der Umstände, wegen der Umstände.

    Alle wollen Bücher, alle wollen Bücher. Niemand kann mehr lange lesen sagt ein Dude zum anderen. Zum Glück schreiben sie alle LYRIK, das geht eh schnell. Ich liebe Zeilenumbrüche. ENTER ENTER ENTER

  • streichen

    es ist immer das linke ohr
    ich flüstere steine (& stelle mir
    vor wie ich am boden aufschlage)

    are you having a good time

    die erschöpfung wohnt zwei stunden weiter

    manchmal rufst du mich einfach so an
    & ich hebe einfach so ab

    das glas war zu voll
    das popcorn salzig weil salz gut ist
    das wetter zu heiß

    versuchen nochmal ein- und auszuatmen

    lieber denke ich über seile nach
    als über strategien

    ich weiß jetzt wie das mit dem
    radfahren geht

    & ich weiß auch dass ich dich in m1 leben
    haben will is not a good choice

    are you having a good time

    ich weiß das eigentlich besser
    aber ich kann dich auch nicht

  • frei am tiefengrund

    Auf einer Autofahrt durch das vor Sonne und Hitze triefende Albanien, ein oder zwei Tage bevor meine beste Freundin und ich wieder in das Flugzeug steigen und in die österreichische Umgebung zurückkehren würden, habe ich es zum ersten Mal artikuliert. Ich weiß nicht mehr, ob ich am Steuer war oder sie, ob ich die Wellen übers Meer oder Blechkarosserien entlang der Straße rollen sah, als mir die Worte schwer, aber irgendwie doch, über die Lippen kamen. Ja, ich bin bi. I am queer. Das sollte doch ein einfacher Satz sein, sollten einfache Gedanken mit einfacher Struktur, einfach so ausgesprochen, egal ob Meer oder Straße, sollten einfach so sein. Doch für mich waren sie Hinkelsteine mit beschleunigter Zersetzung, stolperten bröselig aus meinem Mund, auf das Lenkrad und den Beifahrersitz, in unseren kleinen, schrulligen Mietwagen, in ihre Ohren. Sie war weder überrascht noch war sie es nicht. Auch ich war es nicht, wusste ich von meinem Sein ja eigentlich doch schon seit Jahren, mindestens seit über einem Jahrzehnt, irgendwo in meinem Unterbewusstsein zumindest, dort, wo alle Mehrgründigkeit sitzt. Artikuliert hatte ich mich weder vor mir selbst noch vor einer anderen Person bis zu diesem Moment. 

    Spulen wir zurück. Vielleicht war ich 13, vielleicht 14 Jahre alt. Ich erinnere mich an eine Szene auf einer Geburtstagsparty von einer Schulkameradin. Wir hatten uns in ein Zimmer zurückgezogen und spielten Flaschendrehen. Wir, das waren nur Mädchen, zumindest erinnere ich mich an keine Jungs dabei. Warum wir Flaschendrehen spielten und wer auf die Idee gekommen war, weiß ich nicht mehr. Ich war es nicht. Ich war stets schüchtern gewesen, wenn es um Liebesgeschichten, um das Verhandeln von Sexualität, vor allem in größeren Gruppen, gegangen war – und für mich waren es bereits größere Gruppen, sobald die Zwei-Personen-Marke überschritten wurde. Nie hätte ich ein Spiel vorgeschlagen, bei dem es ultimativ um das Berühren von Haut und den Austausch von Körperflüssigkeiten gehen würde. Mein Dabeisein stellte ich aber auch nicht in Frage, der Wunsch nach Dazugehören übertönte meine Scheu. 

    Da waren wir also, zu viert oder fünft, und die Flasche drehte sich. Die ersten Runden verliefen mit Kichern und kleinen Darings, wie einem Kuss auf die Wange, einem Kuss auf die Lippen, ein kurzes Betasten. Dann schlug jemand vor, nun doch einen Schritt weiter zu gehen und das nächste erdrehte Paar sollte sich im Zungenkuss üben. Wie es die Flasche wollte, war ich ein Teil dieses Paares – und mir gefiel das Erlebnis. Was ich damals nicht verstand, war, dass mir das Erlebte auf eine andere Art und Weise zusagte, als vermutlich den meisten anderen im Raum. Wie es für meine damalige erdrehte Partnerin war, weiß ich nicht. Wir sprachen nie darüber.

    Forward. Zwei, drei Jahre später. Mein damaliger bester Freund comes out auf seiner Geburtstagsparty und verkündet in einem Satz seine nun offiziell begonnene Beziehung mit einem Klassenkameraden. Ich war stinksauer, fühlte mich verraten, hintergangen. Damals dachte ich, das wäre der Art und Weise seiner Verkündung, der langen Geheimhaltung mir gegenüber geschuldet. Heute denke ich, es war ein Zeichen der Frustration, dass er etwas wusste und es auch noch beschreiben, sagen, äußern konnte, wozu ich nicht in der Lage war und noch sehr lange nicht sein würde. 

    Die Jahre verstrichen, ich versöhnte mich mit dem besten Freund, ich ging von einer heteronormativen Beziehung in die nächste. Kam nie wieder in Berührung mit einer Person, mit der ich aus dieser flauschig scheinenden, aber leicht kratzigen Norm gefallen wäre. Die Jahre verstrichen und ich vergaß meine Erlebnisse, meine Eindrücke, meinen Tiefengrund. 

    Forward. Im Auslandsjahr gestand mir eine Bewohnerin desselben Studierendenheims ihr Interesse an mir. Ich entgegnete, dass ich nicht an Frauen interessiert war. Der Satz rutsche mir aus dem Mund, entfloh meinen Lippen, konnte nicht schnell genug gesagt sein. Danach ging er mir nicht mehr aus dem Kopf. Ich bin nicht an Frauen interessiert. Oh, I’m so sorry, I’m not into girls.

    Gegen Ende des Austauschjahres hatte ich den Satz so oft in meinem Kopf wiederholt, dass er sich wie eingebrannt in meine Stirninnenseite anfühlte. Hätte jemand meinen Schädel geöffnet, ich war mir sicher, der Satz würde dort tättowiert, schwarz auf blassrot, zu finden sein. Ich wusste, dass etwas off war, konnte aber nicht fassen, was. Wäre ich into girls gewesen, in diesem Moment, in anderen Momenten, immer? Als ich mich nach Monaten des Grübelns für einen Versuch mit dem gleichen Geschlecht bereit wähnte, um dieses Unbehagen, dieses Missbekommen schließlich zu ergründen, war die Bewohnerin nicht mehr im Studierendenheim. Von einer anderen wurde ich abgewiesen. Eine weitere interessierte sich nur für das weiße Säckchen. Ich versenkte mich wieder im Sand.

    Zurück in Europa lernte ich einen Mann kennen, der kurz darauf zu meinem Langzeitpartner wurde, und das Tattoo wurde langsam grau, blass, durchsichtig. Die Schwere wurde annulliert, verlor an Bedeutung und hätte sich beinahe in der Feinstaubluft aufgelöst, wäre ich nicht plötzlich mit neuen Realitäten konfrontiert gewesen. Auf einmal waren da Personen in meinem Leben, Künstler:innen, Schriftsteller:innen, Fotograf:innen, die ihre Leben hinterfragten, ihre Träume neu träumten, ihre Welten neu erdachten. Was sich zunächst spannend als Außenstehende, doch unnahbar anfühlte, wurde mit jedem Tag mehr als ein bloßer noir. Und auf einmal war er wieder da, der Satz, tiefschwarz, der falsche, erlogene, taumelnde Satz, und es juckte unter meiner Kopfhaut. 

    Ein Jahr vor Albanien saß ich mit Verwandten am großen Esstisch. Angeregt durch einen Bericht in der vorliegenden Zeitung alias Schundblatt, der ein Gesetz zur Legalisierung von gleichgeschlechtlicher Ehe oder ähnlich thematisierte, neigte sich das Gespräch in Richtung Homosexualität und kippte bald in einen Rant gegen Same-Sex-Marriage und Same-Sex-Sowieso. Das ist ja grauslich, sich das nur vorzustellen, zwei Typen. Zwei Frauen, ja das geht ja noch, aber zwei Männer, das ist ja nicht menschlich. Die Aussagen meines Onkels trafen mich schnell, ein glatter Durchschuss nach dem anderen. Bis zu diesem Kommentar hatte ich versucht, das Gesetz zu verteidigen, die queere Community zu verteidigen, aber nach zwei weiteren ähnlichen Bemerkungen von anderen Tischanwesenden konnte ich nicht mehr. Mir liefen die Tränen übers Gesicht. Ich packte meine Autoschlüssel, sagte, es sei Zeit geworden, und fuhr so schnell aus der Einfahrt, dass ich den nicht-anwesenden Ehemännern und Kindern das Auf Wiedersehen nicht schuldig blieb. 

    Ich dachte an meinen besten Schulfreund von damals, an seinen ersten Freund, an meine Begegnung im Studierendenheim und dachte, dass ich wegen diesen Bekanntschaften so tief getroffen war. Was ich nicht wusste: Es ging um mich. 

    Brauchte es einen Tränenfluss, der meine Gedanken aus der Deckung lockte und sie vor mir auf das Lenkrad spülte? Anscheinend brauchte es auch immer ein Auto. Nun habe ich keines mehr, aber über die Gedankenerschließungsphase bin ich ja nun auch hinaus. Wäre es ohne die wirklich abscheulichen, zutiefst in mir Aggressionen, Ängste und Hoffnungslosigkeiten auslösenden Kommentare meines Onkels zu jenem Moment im überhitzten Süden Europas gekommen? Muss vor jeder Veränderung ein Anstoß stehen? 

    Albanien. Nach einem Fast-Kollaps meiner Begleitung, nach einer Verfolgungsjagd mit wilden Straßenhunden, nach Cocktails am Strand und einer freien Tagesverpflegung im Austausch für einen Song, schob sich der Gedanke durch meine Gehirnzellen und platzte – endlich – auf die Straße. 

    Weiß es dein Freund? Nein. 

    Wirst du’s ihm sagen? Irgendwann. 

    Ich nahm mir fest vor, es ihm zu sagen. Vor meinem nächsten runden Geburtstag würde ich es ihm sagen, gesagt haben, wäre es Vergangenheit. Ich atmete tief ein und tief aus, nahm mir vor, es schon eher auszusprechen, und schwieg die kommenden Jahre klamm und ernst hindurch. 

    Ein Jahr vor dem schicksalsträchtigen Tag wurde ich ungeduldig. Lass uns auf die Pride gehen! schlug ich vor. Noch nie war ich dabei gewesen, noch nie hatte ich mich in ein Umfeld gewagt, das mich verschlucken, mich mir zeigen, mich mir geben könnte. Aber nur zur Party danach. – Okay. Im Tanz näherte ich mich einer Freundin oder sie sich mir und auf den Fotos sind wir in enger Umklammerung, Haut an Haut, Lippen neben Lippen.

    Zwölf Monate später ist das Gespräch Geschichte und die Beziehung auch. Bis eine Woche vor dem besagten Tag hatte es gedauert, unzählige Stunden Sorge und Sehnsucht hatte es gebraucht, bis ich den Mut zusammengenommen und es dann eines Abends doch ausgesprochen hatte. Ich muss dir übrigens noch was sagen und irgendwie fällt mir das voll schwer und ich weiß nicht ganz warum. Vielleicht hast du’s dir eh gedacht, vielleicht auch nicht, auf jeden Fall – ich bin bi. 

    Nein, er hatte es sich nicht gedacht. Egal, oder nicht, denn im nächsten Augenblick stellte ich fest, er hatte mich überhört. Es wäre ja okay, einen Dreier mit einer zweiten Frau, das könnte er sich schon vorstellen. 

    Die nächste Pride besuchte ich alleine mit Freund:innen und ich war von den aufheizenden Minuten vor der Parade über die Parade hinweg bis zur loslösenden Party dabei. Noch war ich nicht ganz angekommen, noch war ich froh, erst einmal ich zu sein und nur ich und das Leben so vor mir zu sehen, wie es nun sein konnte. Ich schwamm in dieser Perspektive, machte meine Züge durch die Menge, war frei. 

    Braucht es immer den einen Kommentar, die eine Aussage, die ein neues Kapitel ins Rollen bringt? Meine Reise bis an diesen Punkt brauchte viele Kommentare und auch viele Minuten Echo. Rückblickend kann ich in allen lauten und leisen Momenten ihr Gewicht sehen. Egal, ob Blechlawine oder Meereswogen, Kuss auf Anleitung oder Tränenfluss – jeder dieser Augenblicke war ein Beitrag zur Freikehrung meines Ich. Meines vollständigen Ich, in all seiner Mehrgründigkeit, tief. 

  • sth to be proud about

    don’t forget I am such a bitch
    and well good luck babe
    I want to read books about stones
    and collective stones and
    I am printing with purple
    and fluo pink
    there is a picture of me
    4 years old
    my arms in a weird pose
    everything is full with color
    and I am smiling
    I was a bitch back then
    as I am now
    men crumble to dust
    when they hear my voice