chronology of shame | #26

Context: https://diegelbetapete.com/2026/08/17/chronlogy-of-shame-pretext/

Ich verliere meine Person. Vielleicht war sie nie da. Was macht eine Person aus? Ich dachte, ich wüsste, was mich ausmacht, was meine Stärken und Schwächen sind. Aber irgendwie scheint das alles nicht mehr anwendbar auf zwischenmenschliche Beziehungen.

Gestern konnte ich weder für meine Gesundheit noch für sein Bedürfnis nach Nähe einstehen. Obwohl ich beides wollte. Ich dachte, es schließt sich aus. Ich wollte nach Hause und schlafen und er wollte, dass ich noch ein paar Minuten bleibe. Ich hätte auf seiner Schulter schlafen können, doch das habe ich nicht abgeklärt. Was hätten mich ein paar Minuten mehr schon gekostet? Ich wäre eingeschlafen, wäre angekuschelt gewesen, und dann hätte ich wieder aufstehen müssen, ja. Aber mein Kopf hätte gerastet, ich hätte gerastet.

Heute geht es mir schlecht. Ich weiß nicht mehr, wer ich bin. Meine Therapeutin sagt Angststörung und PTSD, er sagt Borderline, ich sage Leere, Nichts. Ich bin ein loser Körper, der krankhaft durchs All treibt, eine Hülle mit einer Substanz, die sich nicht greifen lässt. Wäre ich gesund, wäre ich heute zu X gefahren und hätte mich wiedergefunden. So sitze ich im Park, die Sonne ist mäßig warm, meine Finger sind kalt, und ich erinnere mich nicht. Was bin ich? Wer bin ich? Mein ganzes Leben habe ich Beziehungen kultiviert, die mir ein Gefühl von Unabhängigkeit gaben, habe aber mich dabei nur weiter als Opfer gesehen, nicht als Akteurin. Habe meine Trauma stets tiefer in mir vergraben, so tief, dass sie zu meinem Kern wurden und heute, da ich sie Tag um Tag ausgrabe, merke ich, dass meine Hülle nur Schein ist. Was ist noch da von dem, was ich glaubte zu sein, als oberflächliche Leidenschaft, Hobbies, Gelüste? Wie definiert man eine Person, einen Charakter? Warum sabotiere ich meine Person gerade so sehr? Sich zu entdecken tut weh, aber es sollte doch auch schön sein. Warum endet es dann stets in Streit und Tränen? Mein Bedürfnis mich über alles andere zu stellen ist zu groß. Aber wieso, wieso sehe ich nicht, dass ich auch in allem anderen sein kann? Ich bin nicht mehr auf meine Souveränität angewiesen – ich kann mich fallen lassen, ich werde geliebt. Ich bin frei und werde geliebt. Ich liebe und bin frei. Das ist kein Ausschluss, das ist keine Flucht. Wieso sehe ich dann nur mich und nicht das große Ganze?

Ich zerfließe im großen Ganzen. Meine Grenzen rinnen weg. Mein Körper hat keine Dimension. Ich werde eindimensional, nulldimensional, unzentriert, unscharf, ich fühle mich leer und es macht mir Angst.

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